Meine Portion Poesie

Das folgende Gedicht wurde uns von Vera Braun zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Ein herzliches Dankeschön an die Autorin, die ihre Gedanken zur aktuellen Lage mit uns teilt.

Schmecke den Tag

Vertraut.
Der am frühen Morgen erwachende Garten.
Ich atme die kühle Luft.
Ein würziger Espresso beim Gesang der munteren Vögel.
Wie gestern.

Ungewohnt.
Die Aussicht auf ein Laufen ohne Begleitung.
Ich stolpere beim Hinausgehen über ein Päckchen.
Ein bitter-süßes Geschenk der Nähe in Zeiten der Distanz.
Wie letzte Woche.

Ersehnt.
Der gütig glitzernde Morgenglanz auf den Wiesen.
Ich streichle mit bloßen Händen Tautropfen.
Ein süßer Trost für meine Seele.
Wie immer.

Unvorbereitet.
Ein freundlicher Mann am Supermarkteingang.
Ich lehne dankend sein Angebot zur Desinfektion des Einkaufswagens ab.
Ein tränensalziger Blick auf meine Wollhandschuhe.
Wie noch nie.

Ohnmächtig.
Individuen mit Mundschutz huschen in den engen Gängen umher.
Ich fürchte ihre Flucht vor mir.
Eine schale Scheu beim Kauf von Klopapier und Bezahlen mit Karte.
Wie noch nie.

Einsam.
Die Einkäufe auf der Küchenzeile.
Ich stoße Mama beim Versuch einer Umarmung fast weg.
Eine saure Scham und Schuld beim Abschied und der Heimfahrt.
Wie nie wieder.

Ruhig.
Ein konzentriertes Miteinander im Home-schooling-office.
Ich störe diese Kreise nicht.
Ein herbes Gefühl der Untätigkeit in mir.
Wie seit drei Wochen.

Verwaist.
Ein leerer Arbeitsbereich in einem sonst lebendigen Haus.
Ich denke an Stimmen und Lehre.
Eine beißende Unfähigkeit zur möglichen Muße.
Wie oft.

Befreit.
Der von Sonne durchflutete Garten.
Ich bewundere das filigran gezeichnete Gefieder der Vögel.
Ein milder latte-macchiato der Vertrautheit.
Wie immer.

Zuversichtlich.
Die Weite der Felder und der Schutzraum des Waldes.
Ich befreie mich mit jedem (noch) unbewachten Schritt.
Ein prickelnd mutiges Widerstand leisten.
Wie morgen.

Vera
April 2020